Home | Wettkampfergebnisse | Bestzeiten | Laufberichte | Kontakt | Gästebuch


Frank P. - Meine Laufberichte






22.03.2008 - Two Oceans Marathon 56 km

Es ist die Nacht auf Ostersamstag in einem Hotel in Kapstadt, als um 4 Uhr der Handywecker uns gnadenlos aus dem Schlaf reißt. Heute steht der Two Oceans Marathon an, genauer gesagt der Ultra über 56 km. Für mich der erste Ultra in meinem Leben überhaupt. Noch niemals bin ich länger als 43 km gelaufen. Heute nun ist es so weit.
Der vom Reiseveranstalter organisierte Bus-Transfer verläuft reibungslos. Allerdings sehen wir Hunderte oder gar Tausende von PKWs im Stau stehen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kann man offenbar kaum zum Startbereich gelangen? Da wir unsere Kleiderbeutel und Rucksäcke, die später in den Zielbereich gebracht werden, im Bus lassen, muss das Umziehen, Einschmieren mit Sonnencreme, etc. schnell im Bus geschehen, der eigentlich nur zum Aussteigen halten darf. Es wird etwas hektisch, aber ich habe nichts vergessen, als ich aussteige. Auch meine Digi habe ich in der Hand. Schließlich möchte ich den Lauf, der auch als THE WORLD ´S MOST BEAUTIFUL MARATHON bezeichnet wird, mit schönen Bildern dokumentieren.
Im Startbereich geht es fast so eng zu wie beim Berlin-Marathon mit dem Unterschied, dass man sich hier als Neuling aber erst orientieren muss. Dennoch haben wir genug Zeit für die Dixie-Schlange. Etwa eine viertel Stunde vor dem Startschuss um 6:25 Uhr gehen J.R. und ich in den Startblock B, wozu ich aufgrund meiner angegebenen letztjährigen Berlin-Marathon-Zeit offenbar berechtigt bin, auch wenn ich als Ultra-Neuling vermutlich dort gar nicht hin gehöre.
Afrikanische Gesänge von den einheimischen Läufern sorgen für gute Stimmung, auch wenn es noch stockduster ist. Meine Laune ist sowieso gut. Ich freue mich auf den Lauf und habe auch keine Bedenken, den Lauf nicht zu schaffen. Die Frage ist nur wie ich ihn schaffen werde?
Wie verabredet läuft sofort nach dem Startschuss jeder sein eigenes Tempo. J.R. deutlich schneller als ich, denn er hat eine ehrgeizigere Zielzeit und will in weniger als fünf Stunden bereits im Ziel sein. Damit würde er eine so genannte Sainsbury-Medaille bekommen, benannt nach dem Erschaffer und langjährigem Race Director des Two Ocean Marathons, Chet Sainsbury. Es erhält nicht jeder Finisher die gleiche Medaille, sondern je nach Zielzeit mit einer anderen Farbe oder Farbausprägung. Die ersten zehn Finisher jedes Geschlechts erhalten Gold, alle anderen mit weniger als vier Stunden Silber, zwischen vier und fünf Stunden erhält man Sainsbury (Bronze mit Silber), zwischen fünf und sechs Stunden Bronze und zwischen sechs und sieben Stunden Blau. Wer nach exakt sieben Stunden das Ziel nicht erreicht hat, kommt nicht in die Wertung und erhält auch keine Medaille. Der Wettkampf ist nach genau sieben Stunden zu Ende. Es ist ein so genanntes Gun-To-Gun-Rennen, das genau vom Startschuss bis zum Zielschuss dauert.

Ich selbst bin zuversichtlich, dass ich es schaffen werde, eine Bronezemedaille zu bekommen. Allerdings hatte ich am Vortag nach dem 5-km-Friendship-Run durch Kapstadts City meine vorgeschwebte Zielzeit von 5:15 um eine halbe Stunde auf 5:45 Stunden korrigiert. Die Hitze von nahezu 30 Grad C. bei wenig Wind und keinerlei Wolken war da bereits sehr drückend und ließ ein qualvolles Rennen erwarten. So gesehen war der frühe Startschuss im Dunkeln noch fast in Nacht eigentlich vernünftig.
Wenige Kilometer nach dem Start lässt allerdings der Adrenalinschub bei mir nach, der zuvor dafür gesorgt hatte, dass ich beim Start noch hellwach war. Da ich gezwungen langsam laufe, um für die vielen noch vor mir liegenden Stunden Körner zu sparen, stellen die ersten Kilometer keine sportliche Herausforderung dar. Außerdem ist die Strecke langweilig. Es geht auf einer Hauptstraße, der Main Road, durch monotone Vororte Kapstadts nach Süden. Was die Monotonie der Strecke betrifft, fühle ich mich erinnert an die 4th Avenue in Brooklyn beim New York Marathon mit dem Unterschied, dass hier weniger Zuschauer am Straßenrand stehen. Dabei hatte ich doch gelesen und von anderen Läufern gehört, dass die Stimmung und der Zuschauerzuspruch hier gut sein soll? Im laufsportbegeisterten Südafrika ist der Two Oceans Marathon nach dem Comrades angeblich der bedeutendste Langstreckenlauf des Landes, der auch live im Fernsehen übertragen wird. Aber mich wundert es ehrlich gesagt nicht, dass um kurz vor sieben Uhr am Ostersamstagmorgen (noch) nicht viele Zuschauer am Straßenrand stehen. Ich hoffe auf die späteren Stunden.
Zumindest ist die Hitze noch nicht drückend. Fast ist mir ein bisschen frisch. Aber das liegt wohl an dem langsamen Tempo, welches ich laufe? Zwischen 5:30 und 5:40 Minuten wollte ich pro km laufen, aber genau wie beim Vorbereitungsmarathon auf Malta vier Wochen zuvor bekomme ich dieses Tempo nicht hin und laufe stattdessen 5:15. Dabei werde ich ständig überholt. Obwohl es mein erster Ultra ist, weiß ich, dass ich etliche derer, die mich jetzt überholen später wieder sehen werde. Wie gerne würde ich aber jetzt auch schneller laufen; es ist so langweilig. Aber ich zwinge mich dazu, die Langsamkeit bei zu behalten. Ich fluche innerlich vor mich hin und sage: Nie wieder Ultra! Lieber einen Marathon oder eine noch kürzere Strecke laufen und die dafür schneller als diese Langeweile! Der Gedanke, dass das noch fünfeinhalb Stunden so gehen könnte, macht mich wütend. Aber natürlich weiß ich, dass die sportliche Herausforderung noch kommen und ich meine körperlichen Grenzen schon noch erreichen werde. Auch weiß ich, wie schön die Strecke noch werden wird. Der Gedanke daran hilft mir über diese langweilige Phase hinweg. Möglicherweise bin ich auch aufgrund der Uhrzeit auch noch gar nicht richtig wach?

Das eine oder andere Mal werde ich von anderen Läufern angesprochen. Wir Läufer tragen sowohl vorn als auch hinten eine Startnummer mit unserem Vornamen. Die orangene Farbe meiner Startnummer weist mich als internationalen Läufer aus. Ich werde gefragt, woher ich denn komme, der wievielte Ultra das für mich ist und ob ich denn auch daran denken würde, den Comrades mal zu laufen. In dem Augenblick überholt uns locker ein Läufer mit dem Vornamen Bruce auf der blau unterlegten Startnummer, die nur Two Oceans-Jubilees tragen dürfen. (Der Berlin-Marathon-Jubilee-Clubs wurde übrigens nach dem Vorbild des Two Oceans gegründet.) Der etwas ältere Läufer, der sich gerade mit mir unterhält, erzählt mir ehrfurchtvoll, dass das gerade Bruce Sowieso war, neunfacher Sieger des Comrades. He ´s a legend!

Endlich erreichen wir nach etwa 15 km Muizenberg und damit den indischen Ozean, die False Bay. Meine Laune wird schlagartig besser. Die Sonne ist endlich auf gegangen und das Wetter ist bilderbuchartig. Nun fange ich auch endlich an, Bilder zu machen. Wir laufen an der Küstenstraße entlang. Meine Laune ist nun bestens. Zwischen uns und dem Meer liegt zumeist nur der Strand und die Eisenbahntrasse. Bei St. James sehe und fotografiere ich die bunt bemalten Umkleidebuden. Bis Fish Hoek laufen wir am indischen Ozean entlang. Ich erkenne den Fischladen wieder, wo zwei Tage zuvor J.R. und ich einen Burger gekauft hatten und eine Rast gemacht hatten. Wir hatten mit einen Mietwagen das Kap erkundet und sind dabei auch in Teilen auf der Two Oceans Marathon route gefahren.

Nun geht es mit einer Rechtskurve auf die Kommetjie Road rauf und wieder ins Landesinnere. Einige dichte Wolken sind mittlerweile aufgezogen, die über den Bergen hängen, während andere Teile des Himmels wolkenfrei sind. Ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll? Einerseits ist das Laufen sicherlich erträglicher, wenn die Sonne nicht raus kommt. Andererseits werden dann die Fotos nicht so schön. Und Regen möchte ich schon gar nicht haben.
Erstmals haben wir es mit Steigungen zu tun, die aber harmlos sind im Vergleich zu dem, was uns noch bevor steht. Mittlerweile werde ich nicht mehr überholt. Die Steigungen werden langsam heftiger, aber stellen für mich immer noch kein Problem dar. Erste Läufer lassen bereits nach und werden von mir überholt. Dabei ist gerade mal die Hälfte der Distanz geschafft, aber die weitaus schwierigere Hälfte steht uns noch bevor. Schwierigere Hälfte nicht nur weil die zweite Hälfte eines Langstreckenlaufes natürlicherweise wegen einsetzender Ermüdung schwieriger ist, auch nicht nur, weil die fortschreitende Tageszeit höhere Temperaturen erwarten lässt sondern vor allem weil die ganz heftigen Steigungen hier erst auf der zweiten Hälfte kommen. Meine Durchgangszeit bei der 28-km-Marke, also der Hälfte der Distanz, beträgt 2:28:12. Damit bin ich schneller als ich wollte. Dass eine Endzeit unter fünf Stunden für mich dennoch nicht möglich sein wird, ist mir allerdings aus den vorgenannten Gründen klar. Mir geht es aber hervorragend. Ich konnte mich auch mittlerweile mit Kartoffeln stärken, eine gute weil für mich schmackhafte und gut verdauliche Alternative zu den Bananen. Der Hunger war inzwischen nämlich ganz schön groß geworden und wenn man bereits zweieinhalb Stunden unterwegs ist und dabei nicht einmal die Hälfte der Zeit geschafft hat, ist eine Stärkung dringend erforderlich. Bei einem Marathon habe ich normalerweise keinen großen Hunger und kann auch nicht gut Essen verdauen, aber da ist das Tempo natürlich ein ganz anderes.
Zu Trinken gab es von Anfang an ausreichend. Maximal alle drei Kilometer wurde Wasser und/oder Powerrade in kleinen geschlossenen Plastiktütchen gereicht, die man mit den Zähnen auf zu beißen hatte.

Bei km 29 sehe ich plötzlich J.R. vor mir. Er macht leider keinen guten Eindruck. Schnell erreiche ich ihn. Seine Beine seien heute gar nicht gut und er will nur noch versuchen, irgendwie unter sechs Stunden das Ziel zu erreichen. Wir fotografieren uns noch gegenseitig und dann laufe ich den Anstieg zum Chapmans Peak Drive hoch, während J.R. erst einmal walkt. Mir geht es ganz großartig. Endlich habe ich das Gefühl, dass das Rennen nun begonnen hat. Ohne Probleme meistere ich die Steigungen. Ich genieße den traumhaften Ausblick, der sich links auftut. Wir blicken auf den atlantischen Ozean, auf Chapmans Bay.
über dem Meer sind fast keine Wolken. Die Bay präsentiert sich in strahlendem blau. Nur über den Bergen halten sich die Wolken hartnäckig, was dazu führt, das wir nicht in der prallen Sonne laufen müssen, ich aber dennoch schöne Bilder machen kann von der wundervollen Aussicht. An der Atlantikküste ist der Wind nun allerdings sehr heftig. Ich habe allerdings den Eindruck, dass er mehr schiebt als drückt. Zumeist kommt der Wind zu dieser Jahreszeit hier aus Südosten, was heute scheinbar auch der Fall ist. Also passt es ganz gut. Außerdem kühlt der Wind, so dass man die Hitze nicht spürt.

Ich bin in einer Hochstimmung. Es macht mir unglaubliches Vergnügen, auf dem Chapmans Peak Drive zu laufen. Ich mache auf diesem Abschnitt viele Plätze gut und erkenne dabei etliche Läufer und Läuferinnen wieder, die mich auf den ersten 15 Kilometern noch überholt hatten.
Der Chapmans Peak Drive ist eine eindrucksvolle, teilweise in die Felsen der Steilküste aufwendig gebaute Straße, die noch vor wenigen Jahren für einige Jahre wegen Steinschlags gesperrt war. Zunächst haben wir Blick nach Süden auf die Chapmans Bay und dann nach Norden auf die Hout Bay. Zunächst geht es überwiegend aufwärts und dann geht es überwiegend abwärts in vielen Windungen bis zur Ortschaft Hout Bay. Mit dem Ende des Chapmans Peak Drive und dem Erreichen von Hout Bay verfliegt auch meine Euphorie. Hier in dem Ort werden wir die Marathonmarke überqueren. Eigentlich könnte hier mit dem Marathon auch ruhig Schluss sein, denke ich mir. Schließlich weiß ich, dass die allergrößte Steigung des Two Oceans nun direkt bevor steht.
Die Marathonmarke erreiche ich nach 3:45:11 Stunden, fast auf die Sekunde die gleich Zeit wie meine Zielzeit beim Vorbereitungsmarathon auf Malta. Allerdings fühle ich mich jetzt deutlich schlechter als im Ziel auf Malta. Und das, wo ich noch 14 km zu überstehen habe.

Vor mir läuft eine inländische weiße Läuferin namens Jacquie, die einen fitten Eindruck macht und auch schon seit einigen Kilometern immer in meiner Nähe läuft. Ich versuche, mich an sie zu heften und Jacquie damit quasi als Zugläuferin zu nutzen. Es geht konstant bergauf. Die Wolken sind mittlerweise weitgehend verschwunden und die Sonne scheint erbarmungslos. Außer mir kann keiner mehr das Tempo von Jacquie mithalten. Alle anderen laufen langsamer, nur Jacquie nicht. Schließlich schaffe auch ich es nicht mehr, mit Jacquie mit zu halten. Die Steigung wird nun extrem (Constantia Nek). Etwa 80 % der Läufer gehen nun und ich schließe mich der Mehrheit an. Nur bis zum Ende der Extrem-Steigung gehen, dann wird wieder gelaufen billige ich mir zu. Doch das Ende der Extrem-Steigung kommt und kommt nicht. Mit meinem recht zügigen Walking-Tempo überhole ich sogar noch den einen oder anderen der wenigen Läufer. So viel Zeit verliere ich also gar nicht, aber irgendwie ärgert es mich dennoch, die Passage nicht laufen zu können. Ich rechne schon mal hoch, was ich wohl für eine Endzeit haben werde. 5:10 Std. könnte es werden, vielleicht sogar noch darunter. Auf jeden Fall besser, als ich es erwartet habe. Aber noch bin ich nicht im Ziel. Ich bewege mich kilometermäßig im Neuland und kann dabei nicht sagen, dass ich mich noch gut fühle. Erst einmal muss doch endlich diese verdammte Steigung aufhören. Ein paar heiße Chergirls bei km 46 bessern meine Stimmung wieder auf und dann ist endlich auch der Gipfel erreicht. Ich hoffe, dass es nun nur noch bergab geht (nicht mit mir, sondern auf der Strecke). Zum größeren Teil ist es so, wenn auch selten steil bergab. Unangenehm sind die schiefen Straßen, die hier offenbar für schnell fahrende Autos gebaut wurden, damit sie besser in der Kurve liegen. Mit fortschreitender Uhrzeit ist auch die Zahl der Zuschauer recht groß geworden. Nicht vergleichbar mit einem der großen Stadtmarathons wie Berlin oder New York, aber durchaus lautstark. Sehr oft werde ich namentlich angefeuert, etwa mit: Frank, you are lookin ´good!, was ich zwar nicht glauben kann, aber dennoch gerne höre. Gerade für die letzten Kilometer sind die aufmunternden Zuschauer mir eine große Unterstützung.

Schließlich laufe ich in den Zielbereich ein. Eine große Wiese auf dem Universitätsgelände. Der Zielbereich ist gesäumt von vielen Zuschauern. Am Ende läuft man eine lange Gerade, rechts und links die jubelnden Zuschauer und vom Sprecher namentlich angekündigt. Die Uhr bleibt bei 5:04:30 Stunden stehen. Noch niemals war ich so lange auf der Strecke und das wird auch all zu bald nicht wieder passieren! Gleichwohl war es eine tolle Erfahrung. Nicht das Ultra-Laufen als solches, sondern beim Two Oceans Marathon dabei gewesen zu sein, möglicherweise tatsächlich THE WORLD ´S MOST BEAUTIFUL MARATHON.



Und die Bilder des S darfrika-Urlaubs inkl. des Two Ocean Marathons dazu könnt Ihr Euch in meinem Online-Fotoalbum anschauen.










zurück nach oben